Ein Martin-Parr-Foto ist wie ein Gemälde von William Turner, ein Satz von Thomas Mann, die Stimme Frank Sinatras oder der Duft von Chanel No. 5: Parrs Bildsprache ist so charakteristisch, dass wir sie sofort erkennen. Und so stark, dass sie unser Auge programmiert: Sobald wir aus einer Parr-Ausstellung kommen, fangen wir an, die Menschen und Gegenstände, die uns umgeben, aus der Parr-Perspektive zu betrachten. Und plötzlich entdecken wir den Parr-Kosmos überall. Den Parr-Kosmos? Woraus besteht er? Martin Parr fotografiert Menschen: telefonierende Menschen, essende Menschen, Menschen, die in Schlangen stehen, Menschen, die im Supermarkt einkaufen, Kirchgänger, Strandurlauber, Touristen, Tänzer, Vogelkundler, Wildhüter, gelangweilte Paare, Junge und Alte. Und Martin Parr fotografiert Gegenstände: Fertighäuser zum Beispiel, deren Uniformität die Einförmigkeit britischer Wohngegenden auf die Spitze treibt. Oder britische Wohnzimmer mit den unvermeidlich floral gemusterten Teppichen, Tapeten, Vorhängen, Sofas und der Plastikblume auf dem Fernseher. Oder Lebensmittel: Ganz gleich, ob belegte Brötchen, brutzelnder Speck, Hot dogs, Fish & Chips, Pommes frites, Eiscreme, Lutscher oder bunte Törtchen, Parr gibt ihnen den Anstrich des Künstlichen und Unappetitlichen. Seit über dreißig Jahren dokumentiert Martin Parr gesellschaftliches Leben, und dies überwiegend in seiner Heimat Großbritannien. In seinen frühen Schwarz-Weiß-Arbeiten tauchte er Menschen und Landschaften noch in ein sentimental-nostalgisches Licht. In den 80er Jahren wechselte er zur Farbfotografie, damit begann sein Blick die Milde zu verlieren. Heute interessiert sich Parr vor allem für Gegenstände und allenfalls für Details von Personen – einen grinsenden Mund oder lackierte Fingernägel –, die er grell und entlarvend fokussiert. Oscar Wildes Definition des Zynikers charakterisiert den Fotografen Martin Parr ziemlich treffend: Er zeigt uns die Welt, wie sie ist, und nicht, wie sie sein sollte. Über die Moralität von Parrs illusionslosem Blick auf Gesellschaft, Sitten und Gebräuche lässt sich streiten. Seine Haltung gleicht der eines Arztes, der die Krankheit zwar diagnostiziert, aber keine geeignete Therapie dagegen hat. Zumal er wohl selbst infiziert ist. Abbildung: West Bay, Dorset, 1997, 50 x 76 cm Biografische Daten 1952 | | geboren in Surrey, England | | | | 1970-73 | | Studium am Manchester Polytechnic College, Institut für Kunst und Design | | | | 1999 | | Wilkens Photography Award, Bremen | | | | | | lebt und arbeitet in Bristol und London | | | | |