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„Wer in Island lebt, muss ein bisschen verrückt sein”

06. Jun 2017

„Wer in Island lebt, muss ein bisschen verrückt sein”Interview mit David Gunnarsson, CEO von Dohop

Dohop - eine einzigartige Reisesuchmaschine - ist das erste isländische Start-up im Deutsche Börse Venture Network. Die Technologie des Wachstumsunternehmens hilft seinen Kunden Geld zu sparen, indem sie im Gegensatz zu anderen Suchmaschinen nach Flugverbindungen mit mehreren Zwischenstopps sucht. Im Interview spricht CEO David Gunnarsson über die isländische Start-up-Szene, die Verrücktheit seiner Landsleute und warum es keine große Bedeutung hat auf der Insel als Start-up erfolgreich zu sein.

Island hat rund 330.000 Einwohner, was gerade einmal der Bevölkerung einer deutschen Großstadt entspricht. Wie groß ist die isländische Start-up-Szene?

Das stimmt, wir sind nicht gerade viele Menschen in Island. Dafür denken wir hier sehr unternehmerisch. 2008 und 2009 verloren viele Isländer aufgrund der Finanzkrise ihre Arbeit und waren gezwungen ihr eigenes kleines Unternehmen zu gründen. Gleichzeitig begannen die Isländer in örtliche Start-ups zu investieren, weil keine Devisen mehr außer Landes geschafft werden durften und die einzigen Alternativen Staatsanleihen und Immobilien waren. Das war natürlich eine glückliche Situation für die Start-ups hier. Mittlerweile gibt es eine ansehnliche Anzahl an Jungunternehmen. Die bekanntesten sind etwa das Fintech Meniga oder der Softwareanbieter CrankWheel. Und ja, es ist wahr: In der isländische Start-up-Welt kennt wirklich jeder jeden.

In Island kann man ohne große Umstände ein Unternehmen gründen. Was ist die Kehrseite des Gründerseins in Island?

Um ehrlich zu sein: Es hat keine große Bedeutung auf dem lokalen Markt erfolgreich zu sein. Unser Heimatmarkt ist sehr klein und gerade gut genug für den „Proof of Concept“. Das reicht aber bei weitem nicht aus, um isländische Unternehmen auch im weltweiten Vergleich konkurrenzfähig zu machen. Außerdem ist es hier wegen der begrenzten Finanzierungsquellen und wenigen Mitarbeiter schwer zu wachsen. Diese Nachteile fühlen sich für mich als isländischer Unternehmer manchmal an wie eine zusätzliche virtuelle Steuer.

Trotzdem läuft es bei Dohop ziemlich gut. Euer Umsatz betrug rund 3 Mio. € im vergangenen Jahr. Macht das Start-up schon Gewinne?

2016 haben wir eine große Summe in unsere Technologie investiert. Wir haben einen neuen Service namens “Dohop Connect” eingeführt: Wenn ein Kunde seinen Anschlussflug verpasst, übernimmt Dohop die Kosten für eine neue Buchung in Höhe von bis zu 1500 €. Das ist eine Möglichkeit für uns Geld zu verdienen und sie wird der Hauptgrund sein für unser Umsatzwachstum in den nächsten Jahren. Aufgrund dieser Investition stand Ende des vergangenen Jahres noch ein Verlust. Wir werden allerdings dieses Jahr die Gewinnzone erreichen und 2018 schwarze Zahlen vorweisen können.

Wer sind die Hauptinvestoren von Dohop?

Unser größter Investor mit rund 20 Prozent der Anteile ist der Isländer Jon von Tetzchner, Mitgründer von Opera Software und aktuell CEO von Vivaldi Technologies. Frosti Sigurjonsson, Mitgründer und ehemaliger CEO von Dohop ist auch noch im Unternehmen investiert. Und der dritte Hauptinvestor ist NSA Ventures, ein staatlicher isländischer Seed-Fonds. Insgesamt konnten wir bisher rund 5 Mio. € einsammeln.

Wo wir gerade beim Thema Geld sind: Die Isländische Krone hat zum Euro innerhalb eines Jahres um rund 20 Prozent zugelegt. Für die Menschen aus der Eurozone ist es also 20 Prozent teurer geworden nach Island zu reisen. Hat das auch Auswirkungen auf euer Geschäft?

Die Buchungen für die Sommersaison waren zum Großteil schon gemacht, bevor der Wechselkurs der Krone so stark zugelegt hat. Deshalb hatte das bisher noch keinen großen Einfluss auf den Tourismus in Island. Aber es stimmt natürlich, Urlaub auf der Insel ist richtig teuer geworden. Im Moment kostet in Reykjavik eine Tasse Kaffee 5€ bis 6€, ein Bier 12€ bis 15€ und ein Glas Wein rund 20€. Das trifft Dohop richtig hart: 93 Prozent unseres Umsatzes generieren wir in Euro, US-Dollar oder Pfund. Insgesamt wird unser Umsatz wegen der geänderten Wechselraten in diesem Jahr rund 1 Mio. € geringer ausfallen. Trotzdem: Unser Umsatzwachstum liegt aktuell bei circa 30 Prozent.

Dohop ist das erste isländische Unternehmen im Deutsche Börse Venture Network. Was erwarten Sie von der Mitgliedschaft im Netzwerk?

Risikokapital ist ziemlich begrenzt in Island. Es gibt eine kleine Zahl an VC Fonds – wir kennen bereits alle von ihnen. Außerdem haben Privatinvestoren in Island wenig Erfahrung mit Start-up-Gründungen, was auch eine Herausforderung sein kann. Vor uns gab es nur wenige Gründer, die uns beraten und in unsere Ideen investieren könnten. Deshalb hoffe ich vom Deutsche Börse Venture Network “Smart Money” zu bekommen und ein Netzwerk außerhalb von Island aufbauen zu können.

Ob die Isländer zu dem Rest von Europa passen, könnte man zumindest anzweifeln: Der ehemalige Bürgermeister der Hauptstadt Reykjavik, Jon Gnarr, ist ein Comedian. Er hat seine Wahl unter anderem mit dem Versprechen gewonnen, einen Eisbären für den örtlichen Zoo zu besorgen. Sind die Isländer ein bisschen verrückt oder einfach nur kreativ?

Wir sind verrückt und dafür gibt es einen einfachen Grund: Um in Island zu arbeiten und zu leben, muss man ein bisschen verrückt sein. Im Winter ist es hier bis zu 16 Stunden dunkel und selbst im Sommer kann es noch schneien. Trotzdem ist Island meiner Meinung nach der lebenswerteste Ort der Welt. Das Land ist unfassbar schön, die Menschen sind freundlich und es gibt selbst in Reykjavik keine Staus. An einem guten Tag brauche ich 8 Minuten mit dem Auto zur Arbeit, wenn viel Verkehr ist 12 Minuten.

Was ist das langfristige Ziel für das Start-up?

Obwohl es Dohop mittlerweile schon seit rund 13 Jahren gibt, sind wir immer noch der kleinste unter den großen Spielern im europäischen Reisevergleichsgeschäft. Deshalb ist es unser Hauptziel zu expandieren. Wir erwarten für nächstes Jahr einen Umsatz von 10 bis 12 Mio. €. Langfristig wollen wir zu den Top 3 Reise-Start-ups in Europa gehören, auch wenn es dahin noch ein langer Weg ist. Unsere Vision ist es Dohop größer, profitabler und zum besten Arbeitsplatz in ganz Island zu machen. Für mich ist es unwahrscheinlich wichtig eine Arbeitsumgebung zu schaffen, in der die Menschen alle ihre persönlichen und beruflichen Ziele erreichen können.

Über Dohop und David Gunnarsson:

Dohop wurde 2004 in Reykjavik gegründet und ist eine unabhängige Reisesuchmaschine. Das Start-up bietet eine Technologie zum Flugvergleich, die es möglich macht, deutlich günstigere Verbindungen als mit herkömmlichen Suchmaschinen zu finden. Jeden Monat vergleichen die Kunden auf dohop.com rund 1,5 Mio. Flugverbindungen. Weil andere Plattformen ebenfalls die Technologie von Dohop nutzen, liegt die Zahl der monatlichen Flugsuchen bei insgesamt 150 Mio.

David Gunnarsson begann seine Karriere im Finanzsektor, wo er bis zur Wirtschaftskrise 2008 arbeitete. Anschließend stellte ihn Dohop wegen seiner Kenntnisse auf dem Gebiet der Computerwissenschaften und Volkswirtschaftslehre ein. Nachdem er noch einmal kurz zu einer Bank zurückgekehrt war, stieg er schnell bei Dohop auf und wurde Anfang 2015 Vorstandsvorsitzender des Start-ups.

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