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Brexit-Vorbereitungen der Finanzbranche biegen auf die Zielgerade ein

01. Sep 2017

Brexit-Vorbereitungen der Finanzbranche biegen auf die Zielgerade ein

Ein Gastbeitrag von Alexandra Hachmeister,Chief Regulatory Officer der Gruppe Deutsche Börse. Zuerst erschienen am 01.September 2017 in der Börsen-Zeitung.

Great Britain
In Brüssel tickt die Uhr: Dieser Tage ist die dritte Sitzung der ersten Brexit-Verhandlungsrunde zu Ende gegangen. Zur Mitte der insgesamt sechs angesetzten Termine ist das Ergebnis ernüchternd. Es besteht die Gefahr, dass Großbritannien die Europäische Union am 30. März 2019 verlässt, ohne dass die Bedingungen des Austritts und die künftigen Beziehungen vollständig geklärt sind. So könnte London, einer der größten Handelsplätze der Welt, die Anbindung an die Finanzplätze der EU27 verlieren. Damit wäre der reibungslose Kapital- und Dienstleistungsverkehr eingeschränkt, und die Stabilität des Finanzsystems gefährdet. Die Lage ist somit äußerst brenzlig.

Die Hauptaufgabe der Gruppe Deutsche Börse besteht darin, zur Stabilität des Finanzsystems beizutragen. Das bewerkstelligen wir vor allem durch die Bereitstellung zuverlässiger Marktinfrastruktur. Gemeinsam mit unseren Kunden arbeiten wir mit Hochdruck an Lösungen, die gewährleisten, dass Kapital auch nach dem Frühjahr 2019 noch zuverlässig zwischen Großbritannien und der EU27 fließen kann – und dass das Erbringen von Finanzdienstleistungen möglich bleibt.

Das Finden dieser Lösungen kommt mitunter einer Herkulesaufgabe gleich. Zwar gilt während der Verhandlungen in Großbritannien weiterhin EU-Recht. Doch vor allem große Banken können diese Lage nicht „aussitzen“. Aus vielen Gesprächen mit unseren Kunden wissen wir, dass das Mantra vieler Institute sinngemäß lautet: „Auf das Beste hoffen, auf das Schlimmste vorbereiten.“

Mittlerweile haben nahezu alle großen britischen und US-amerikanischen Banken ihre Brexit-Pläne erstellt. Schließlich gilt: Je komplexer das Geschäftsmodell, desto mehr Vorlauf erfordern die Vorbereitungen.

Bei anderen Institutionen wie einigen Assetmanagern und kleineren Investmentfirmen sind die Pläne noch weniger ausgereift. Allerdings rechnen wir auch hier damit, dass die Detaillierung zeitnah erfolgt. Fakt ist, dass mittlerweile alle Institute Brexit-Projekte aufgesetzt haben, dass die Vorbereitungen weit fortgeschritten sind, und dass das Thema sehr ernst genommen wird – nicht zuletzt, weil die Bank of England und die Europäische Zentralbank von der Branche kürzlich detaillierte Brexit-Pläne angefordert haben.

Für die Finanzmarktstabilität sind diese Vorbereitungen, die auch den sogenannten „Worst Case“ beinhalten, gute Nachrichten. Schließlich steigert der bisherige Verlauf der Verhandlungen die Wahrscheinlichkeit des sogenannten Cliff-Edge-Brexit. In diesem Szenario verlässt das Vereinigte Königreich die EU 2019 ohne Übergangsfristen und eine Einigung über die künftige Zusammenarbeit. Das hätte erhebliche Auswirkungen auf den grenzüberschreitenden Kapitalfluss zwischen Großbritannien und dem Kontinent. Nicht zuletzt die geplante und dringend notwendige Kapitalmarktunion würde so erschwert.

So weit ist es zum Glück aber noch nicht. Bis Oktober treffen sich UK- und EU-Vertreter monatlich, um in der ersten Verhandlungsphase die Rechte von EU27-Bürgern in Großbritannien und die von britischen Bürgern in der EU zu besprechen. Darüber hinaus sollten die Ausgleichszahlungen an die EU bestimmt werden und die künftige Natur der Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland geregelt werden.

Der EU geht es bei den Verhandlungen vor allem darum, zunächst die Weichen für die Trennung festzulegen. Erst anschließend sollen die Themen, wie die künftigen Handelsbeziehungen oder Übergangfristen besprochen werden. Wenn dies erst im Dezember diesen Jahres oder Januar 2018 geschieht, hat Großbritannien nur noch zehn Monate Zeit, Handelsvereinbarungen mit der EU zu verhandeln. Die Risiken dieses Verzugs sind offensichtlich.

Wir bedauern die Entscheidung Großbritanniens, die EU zu verlassen, nach wie vor sehr. Als führender Marktinfrastrukturanbieter mit einem globalen Netzwerk betreuen wir viele Kunden am Finanzplatz London, und wollen diese stabilen Beziehungen aufrechterhalten und weiterentwickeln. Wir arbeiten daher mit aller Kraft daran, zu gewährleisten, dass unsere Teilnehmer und Mitglieder auch am Tag 1 nach dem Brexit Zugang zu unseren Systemen haben.

Vom Standort Frankfurt aus entwickeln wir entsprechende Produkte und Lösungen. Dabei stehen Handel und Clearing im Fokus. Unsere Kunden beschäftigen vor allem zwei zentrale Fragen: Wie können sie sicherstellen, dass sie weiterhin an der Frankfurter Wertpapierbörse und der Eurex Frankfurt handeln können? Und: Wie können sie diese Transaktionen zentral verrechnen lassen? Die Lösung dafür ist in der Regel der Betrieb eines Tochterunternehmens innerhalb der EU27. Die European Securities and Markets Authority (ESMA) hat bereits angekündigt, dabei keine Briefkastenfirmen zu akzeptieren.

Daher planen viele unserer Kunden fest mit Tochterunternehmen in den EU27 und diskutieren mit uns, wie der Zugang zu unseren Systemen am besten erhalten bleiben kann. Das ist nicht nur regulatorisch gesehen komplex, sondern auch technisch. Wenn wir uns den Brexit-Zeitplan anschauen wird deutlich, dass unsere Kunden die relevanten Entscheidungen bis zum Jahresende getroffen haben müssen. Wir unterstützen dabei – schließlich geht es auch bei uns darum, dass wir unsererseits dann alle erforderlichen Arbeiten erledigen können, ohne dass es zu Kapazitätsengpässen kommt.

Parallel dazu arbeiten wir daran, den Finanzplatz Frankfurt zu stärken. Denn wenn Geschäfte verlagert werden müssen, haben wir als am Main verwurzelte Institution natürlich ein Interesse daran, es hierher zu bringen. Wie die Hochschule für Wirtschaft und Management (WHU) kürzlich errechnet hat, können innerhalb der nächsten vier Jahre rund 10.000 Arbeitsplätze in der Finanzbranche entstehen. In Folge können auch in anderen Sektoren zwischen 35.000 und rund 88.000 Stellen geschaffen werden. Der Brexit bietet für Frankfurt Chancen, wir sorgen gleichzeitig dafür, dass unsere britischen Kunden weiterhin Zugang zu den Kapitalmärkten der EU27 haben.

Video: Brexit einfach erklärt

 

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