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Im Aufbruch: Finanzplatz Deutschland

04. Sep 2018

Im Aufbruch: Finanzplatz DeutschlandVon Dr. Theodor Weimer, Vorsitzender des Vorstands der Deutschen Börse AG

Dr. Theodor Weimer, Vorstandsvorsitzender, Deutsche Börse AG

Jeder von uns hat seine eigene Erinnerung an den Beginn des Sommers 2016: Damals hielt uns nicht die Fußballweltmeisterschaft in Russland in Atem, sondern eine Abstimmung in Großbritannien – eine Abstimmung, deren Ausgang für uns alle mindestens so überraschend kam wie das Ausscheiden der deutschen Mannschaft in der WM-Vorrunde. Beides hat bei uns allen, Gewinnern wie Verlierern, starke Gefühle ausgelöst: Triumph bei den einen, blankes Entsetzen bei den anderen. Keines dieser Gefühle ist ein guter Ratgeber für die Zukunft. Was sagt uns der gesunde Menschenverstand – die zu Recht gerühmte britische Tugend des „common sense“?

Zunächst einmal heißt es, nüchtern Bilanz zu ziehen: Das britische Volk hat abgestimmt. Und es hat nicht so abgestimmt, wie viele von uns erwartet haben. Das Ergebnis ist wirtschaftlich schmerzhaft. Denn mit dem Referendum hat sich die fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt gegen Europa entschieden. Der Ökonom Hans-Werner Sinn hat das in die richtige Perspektive gerückt: Gemessen an der durchschnittlichen Wirtschaftskraft der EU-Länder ist der Austritt Großbritanniens so, als ob 19 der 28 Mitglieder die EU verlassen würden.

Was bedeutet das für die europäische Finanzwirtschaft? Wie kommen wir damit zurecht, dass die City of London, Europas wichtigstes Drehkreuz der globalen Kapitalströme, nun voraussichtlich in einem „Drittstaat“ angesiedelt sein wird – also außerhalb der EU? Zunächst einmal: indem wir gute Beziehungen nach London wahren – das gilt für die Politik und die Finanzwirtschaft gleichermaßen. Zum anderen: indem wir von London lernen und den Finanzstandort EU stärken. Für uns in Deutschland heißt das, dass wir zuerst vor der eigenen Haustür kehren sollten.

Wie ist die Lage am Finanzplatz Deutschland? Seien wir ehrlich: Sie hat Potential nach oben.

Laut Global Financial Center Index vom März 2018 ist London nach wie vor der bedeutendste Finanzplatz der Welt, dicht gefolgt von New York und Hongkong. Die nächsten Plätze belegen Singapur, Tokio, Shanghai und Toronto. Der wichtigste Finanzplatz Europas – Zürich – liegt auf Platz 16. Schließlich, auf Platz 20: Frankfurt am Main. Ein Jahr zuvor hatte Frankfurt noch Platz 11 belegt. Daraus darf kein Trend werden.

Weshalb ist ein international wettbewerbsfähiger Finanzplatz so wichtig? Ist es nicht die Stärke der Realwirtschaft, die Deutschland zur führenden Exportnation und zur viertgrößten Volkswirtschaft der Welt gemacht hat? Die Antwort darauf ist klar: Das Finanzsystem ist der Blutkreislauf der Wirtschaft, die Industrie und ganz besonders der Mittelstand sind die Muskeln. Wer glaubt, dass man auf Dauer eine starke Volkswirtschaft ohne einen starken Finanzplatz haben kann, irrt.

Keine deutsche Bank ist mehr in der Rangliste der größten 50 zu finden. Das hat zum Teil Gründe, die nur von vorübergehender Dauer sind. Die Unwucht der negativen Zinsen wirkt massiv zu Ungunsten des deutschen Finanzmarkts. Die Banken verdienen in ihrem Kerngeschäft in Deutschland nichts mehr. Die Konkurrenz durch neue Geschäftsmodelle im Finanzsektor – Stichwort Fintech – tut ein Übriges.

Ein starker Finanzplatz ist mehr als ein Bankenstandort. Einige Fakten zum deutschen Kapitalmarkt und seinem Verhältnis zur Realwirtschaft: Die Summe der Börsenwerte aller gelisteten Unternehmen lag 2016 nach Angaben der Weltbank in Deutschland bei 49 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, in Frankreich bei 88 und in den USA bei 147 Prozent. Das überrascht nicht, denn die Aktienkultur in Deutschland ist nach wie vor unterentwickelt. Auch wenn die jüngsten Zahlen des Deutschen Aktieninstituts einen Trend nach oben verzeichnen, so sind sie dennoch ernüchternd: Nur 16 Prozent der Deutschen haben Aktien.

Getragen werden unsere Investitionen von den Versicherern, und deren Spielraum für risikoreichere Anlagen ist eng begrenzt. Leichter haben es da die großen Kapitalsammelstellen in den USA und Großbritannien. Allein Blackrock verwaltet Vermögenswerte von über 6.000 Milliarden US-Dollar.

Was ist zu tun?

Erstens: Wir müssen das vorhandene Kapitalmarkt-Knowhow in Deutschland nutzen – im Sinne der Marktteilnehmer und im Interesse eines stabilen EU-Finanzmarkts. Ein Beispiel dafür ist das Euro-Clearing. Ein Clearinghaus verlangt von den Marktteilnehmern vor allem beim Handel mit Derivaten Sicherheiten, um mögliche Ausfälle abzudecken und im Fall einer Krise einzusetzen. Außerbörslich gehandelte Zinsderivate zum Beispiel ermöglichen eine Absicherung gegen Zinsrisiken. Das Euro-Clearing dieser Produkte findet derzeit zu über 95 Prozent beim Londoner Clearinghaus LCH statt. Nach dem Brexit wird das führende Clearinghaus Europas somit in einem Drittstaat angesiedelt sein. Uns bei der Deutschen Börse kommt es angesichts dessen auf eine marktnahe und partnerschaftliche Lösung an. Deshalb haben wir über unser Clearinghaus Eurex Clearing ein Partnerschaftsprogramm mit den wichtigsten Banken weltweit gestartet und somit marktwirtschaftlich eine Ergänzung für das Euro-Clearing geschaffen.

Zweitens: Wir dürfen Finanzmarktkompetenz nicht länger zu weiten Teilen auslagern. Wir müssen wieder Insourcing von Kapitalmarkt-Knowhow betreiben. Das beginnt im Kleinen beim Aufbau finanzieller Bildung im Schulsystem. Und das bedeutet im Großen, dass die Finanzdienstleister Knowhow wieder im stärkeren Maße nach Deutschland und Frankfurt holen. Das einzig Positive am Brexit ist, dass er uns – hoffentlich – endlich aufrüttelt, um dieses Projekt beherzt anzugehen.

Drittens: Wir müssen uns anstrengen, mehr Wagniskapital für die deutsche Wirtschaft zu mobilisieren. Wir fördern Fintech-Standorte, wir fördern Anwendungen Künstlicher Intelligenz. Das ist schön und gut. Doch die Zahlen sprechen für sich: In Deutschland lag das investierte Wagniskapital zuletzt bei rund 0,04 Prozent des Bruttoinlandsprodukts; in den USA war dieser Anteil dagegen zehn Mal so hoch: 0,4 Prozent. Das muss sich ändern, wenn wir dauerhaft wettbewerbsfähig bleiben wollen.

Viertens: Die Politik muss die Bedeutung des Finanzsystems erkennen. Auch nach den Erfahrungen der Finanzkrise von 2008 hilft es nichts, Banken und Finanzinvestoren zu dämonisieren. Wir haben seither in der Regulierung wesentliche Fortschritte erzielt und das Finanzsystem sicherer gemacht. Jetzt kommt es darauf an, dieses System auch wieder in die Lage zu versetzen, innovatives Wachstum zu finanzieren.

Kurzum: Wir brauchen einen Fahrplan für den Finanzplatz Deutschland – nicht gegen, sondern gemeinsam mit unseren europäischen Partnerländern. Dass zu diesem Miteinander auch ein Wettbewerb der Unternehmen und der Standorte gehört, ist Teil einer funktionierenden Marktordnung. Das ist einfach eine Forderung des gesunden Menschenverstands. Befürworter des „common sense“ gibt es auf beiden Seiten des Ärmelkanals. Arthur Schopenhauer – Querkopf, Weltweiser und Wahlfrankfurter – sagte einmal: „Gesunder Menschenverstand kann fast jeden Grad von Bildung ersetzen, aber kein Grad von Bildung den gesunden Menschenverstand.“

Von Dr. Theodor Weimer
Der Artikel ist zuerst am 29. August 2018 im Handelsblatt Journal in der Beilage „Banking“ erschienen.

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