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Im Gespräch mit Jakub Scholz – Gestalter des Wandels

12. Jul 2017

Im Gespräch mit Jakub Scholz – Gestalter des WandelsMenschen & Ideen bei der Deutschen Börse

Jakub Scholz arbeitet von Prag aus für die Risk IT der Deutschen Börse .

In fast jedem Bereich spüren und erleben wir derzeit Veränderung. Dabei macht die digitale Transformation vor kaum einer Branche halt. Insbesondere etablierte Unternehmen wie die Deutsche Börse sind gefordert, ihre Geschäftsmodelle zu hinterfragen, in neue Richtungen zu denken und neue Wege zu beschreiten. Trotz aller Technik steht dabei dennoch immer der Mensch im Mittelpunkt. Denn zum einen müssen neue digitale Angebote sich immer nach den Bedürfnissen der Kunden richten. Und zum anderen geht jede technische Veränderung von uns Menschen aus. Ohne unsere kreativen Ideen, unsere Initiative und unsere Energie geht es nunmal nicht. In einer losen Serie von Interviews möchten wir Ihnen hier Menschen und Projekte vorstellen, die den Wandel in der Deutschen Börse erheblich vorantreiben.

Einer dieser Menschen ist Jakub Scholz, ein Technologiearchitekt aus Leidenschaft. Wir haben uns mit ihm darüber unterhalten, wie man Ideen effizient in Produkte und Services umsetzen kann. Im Mittelpunkt standen dabei der neue Data Analytics & Visualisation Service (DAVe) und die Vorteile von Prototypen.

Was ist Ihre Aufgabe bei der Deutschen Börse und wie würden Sie Ihre Rolle beschreiben?

Ich bin als Technologiearchitekt tätig. Meine Aufgabe ist es, Ideen für neue Software-Produkte zum Leben zu erwecken. Dabei konzentriere ich mich im Rahmen unserer neuen Produktorganisation, die zusammen mit den Marktbereichen gemeinsame Geschäftsziele umsetzt, auf Produkte rund um das Risikomanagement. 

Kundenbedürfnisse zu identifizieren ist eine Sache; die andere ist, diese in eine Geschäftslösung zu übertragen. Worauf kommt es an bei der Umwandlung einer Idee in ein Produkt oder einen Service, mit dem man Geld verdienen kann? 

Wenn man eine Idee hat, ist es wichtig, so schnell wie möglich ein marktfähiges Basisprodukt – d.h. ein Produkt, das ein Mindestmaß an Funktionalität besitzt – zu entwickeln und umzusetzen. So kann man herausfinden, ob das Produkt oder der Service für Kunden wirklich interessant ist und ob sie bereit wären, dafür zu bezahlen. 

Und weil es sich hier um eine Mindestversion handelt, hält sich der Umfang in Grenzen. Man muss nicht jahrelang an der Entwicklung einer ultimativen Lösung mit den bestmöglichen Funktionen arbeiten. Stattdessen kann man ein Basisprodukt schaffen, dieses schnell auf den Markt bringen und dann sehen, ob die Kunden es nutzen oder nicht.

Also beschleunigen Sie die bestehenden Prozesse?

Es gibt viele Wege in der Software-Entwicklung. Einige sind effizienter und andere weniger effizient. Und einige sind moderner, andere weniger. Darin liegt der Unterschied – und wir waren in der Vergangenheit zu langsam.

Mit dem marktfähigen Basisprodukt anzufangen bedeutet, dass man sich auf die Kernfunktionen konzentriert. Gleichzeitig ist die Entwicklung weniger kostenintensiv. Genau das war unsere Erfahrung bei der Entwicklung von DAVe, dem neuen Data Analytics & Visualisation Service.

Mit DAVe haben Sie einen Service entwickelt, der Kunden besseren Einblick in ihre Risikomanagement-Daten gibt. Könnten Sie den Service kurz beschreiben und uns erzählen, woher die Idee dafür stammt? 

Vor Jahren haben wir ein Interface mit Namen Enhanced Risk Solution geschaffen, das unsere Kunden fast in Echtzeit mit Daten versorgt hat. Allerdings haben es nur wenige Kunden wirklich genutzt. Als Technologie-Mensch sah ich das Problem darin, dass es kein User Interface gab. Also fing ich an, eines zu programmieren. Gleichzeitig befassten sich meine eher geschäftsorientierten Kollegen damit, die Risikodaten zu verbessern. Also ist DAVe das Ergebnis der Bemühungen eines ganzen Teams.

DAVe besteht aus zwei Komponenten, einem webbasierten User Interface und einem Application Programming Interface (API). Das User Interface ermöglicht es unseren Kunden, ihre bei Eurex Clearing zu hinterlegenden Sicherheiten zu analysieren und zu visualisieren, um diese besser zu verstehen. Wenn unsere Kunden wissen, warum ihre Risikomargen so hoch oder niedrig sind, wie sie sind, können sie beispielsweise ihre Portfolios optimieren, um die Margenanforderungen zu verringern. Zusätzlich zum webbasierten User Interface erlaubt einem das API, diese Daten in Kundenanwendungen zu integrieren, wo sie einfach mit Daten aus anderen Quellen aggregiert werden können.  

Wie verhält es sich mit Prototypen? Können Sie kurz beschreiben, wie diese bei DAVe zur Anwendung kamen?

Wir haben einen Prototyp unserer Anwendung erstellt und diesen sowohl für interne Diskussionen als auch für Gespräche mit potenziellen Kunden verwendet. Natürlich enthielt dieser Prototyp nicht die gesamte Anwendung. Es gab keine Authentifizierung, hohe Verfügbarkeit oder Live-Daten. Die verwendeten Daten wurden künstlich generiert. Allerdings enthielt der Prototyp die Kernfunktionen, die wir verkaufen wollten. Der erste Prototyp entstand innerhalb von zwei Wochen – das war sehr schnell und kosteneffizient. 

Wie haben die Kunden ihn aufgenommen?

Bei den Kunden kam er gut an. Also entschieden wir nach einigen Kundengesprächen und Ergebnisanalysen, dass DAVe in die Produktion gehen soll. Vom Prototypen ging es weiter zur Demo-Version, die Kunden nutzen konnten, allerdings immer noch mit künstlichen Daten. Jetzt arbeiten wir an einer Beta-Version, die unseren Kunden erwartungsgemäß im  Herbst zur Verfügung stehen wird. Aktuell besteht die Herausforderung nicht in Technologiefragen, sondern darin, alle sicherheits- und regulatorischen Freigaben zu erhalten.

Der Grat zwischen Innovation und Versagen ist schmal. Warum halten Sie Ihre Art, einen Prototyp zu entwickeln, für empfehlenswert oder einfacher gesagt: vermeiden Sie damit Flops? 

Flops kann man nicht ganz vermeiden und vielleicht ist das auch gar nicht erstrebenswert. Das potenzielle Scheitern liegt doch in der Natur der Sache, wenn man etwas ganz Neues erschaffen möchte. Leute, die behaupten noch niemals gescheitert zu sein, sind wahrscheinlich auch nie das Risiko eingegangen – wer nichts wagt, der hat eben auch schon alle Chancen verspielt. Sowohl die Entwicklung von Prototypen als auch das marktfähige Basisprodukt liefern keine Erfolgsgarantie, sie ermöglichen es jedoch, schnell und kosteneffizient zu scheitern. Das ist der hauptsächliche Unterschied aber auch der Vorteil im Vergleich zu den Prozessen der Vergangenheit.

Gibt es auch Nachteile? Erhalten Kunden beispielsweise zu viele Einblicke und somit zu großen Einfluss?

Das wird sich zeigen. Unternehmen wie Google, die diese Art von Produkten schon seit Jahren entwickeln, sind stets gnadenlos im Verwerfen von Ideen, die nicht erfolgsversprechend sind. Ist eine Idee nicht umsetzbar, generiert sie zu wenige Kunden oder zu geringen Gewinn, so wird sie im Keim erstickt. Obwohl Produkte, die objektiv nicht erfolgreich sind, oft eine Anzahl von Kunden begeistern und dann enttäuscht zurücklassen, wenn sie vom Markt genommen werden, so ist dieser Schritt doch unvermeidbar; sonst gibt es keine freien Kapazitäten für neue Ideen.

Sie haben sich selbst als Technologie-Menschen bezeichnet. Welche Art von Technologien nutzen Sie für die Entwicklung von DAVe?

Das technologische Setup, auf dem die Entwicklung basiert, ist auf dem neuesten Stand. Die DAVe-Anwendung läuft in der AWS (Amazon Web Service) Cloud, wir nutzen Kubernetes und Docker Container. Unsere Backend-Applikation nutzt ein Reactive Programming Toolkit namens Vert.x. Das User Interface wurde in Angular 4 geschrieben.

Außerdem haben wir eine Toolchain für fortlaufende Integration und Entwicklung. Es ist wirklich ein Vergnügen, mit diesen Technologien zu arbeiten – nicht nur für mich, sondern für das gesamte Team. Aber es geht uns natürlich nicht nur um den Spaßfaktor, denn diese Technologien ermöglichen es uns darüber hinaus, viel schneller und effizienter zu arbeiten.

Gibt es noch weitere mit DAVe vergleichbare Ideen, die auf Umsetzung warten? 

Definitiv! Wir haben gerade mit der Entwicklung eines Margin Estimator bekonnen. Dieser soll es grundsätzlich jedem, auch Unternehmen, die nicht zu unseren Kunden gehören, ermöglichen, ein beispielhaftes oder echtes Portfolio hochzuladen, das diese bei einem anderen Clearinghaus haben. Der Estimator berechnet dann die Margin, die bei Eurex Clearing, dem Clearinghaus der Deutschen Börse, hinterlegt werden müsste. Das ganze wird ein riesiger Fortschritt, da der Service den Kunden erstmals den Vergleich von Margin-Obligationen bei unterschiedlichen Clearing-Häusern ermöglicht. Wenn gewünscht, kann dieser Service dann sogar auf dem Smartphone genutzt werden. 

Eine der Grundvoraussetzungen für Ihre Arbeit ist Kreativität. Was hilft Ihnen dabei?

Ich betrachte Technologien nicht einfach nur aus der Arbeitsperspektive. Vielmehr sind sie Teil meines Lebens. Ich habe sehr viel Zeit in die Prüfung neuer Produkte und das Ausprobieren neuer Software gesteckt, daher habe ich wenn nötig eine sehr hohe Reaktionsfähigkeit.

Sie stehen also der digitalen Transformation unseres alltäglichen Lebens positiv gegenüber. Haben wir eine Alternative dazu? 

Sicherlich nicht. Wir leben in einer aufregenden Ära, in der zahlreiche Technologien unser Leben verändern. Beispielsweise wird sich das Einkaufen – nicht nur online, sondern auch das physische Einkaufen vor Ort – nach meiner Einschätzung in den nächsten Jahren dramatisch verändern. So wird zum Beispiel „Augmented Reality“ eine Rolle spielen, wir werden uns im Laden einfach vor einen Spiegel stellen und uns automatisch in den angebotenen Kleidern sehen können ohne sie anzuprobieren. Ich bin mir sicher, dass eine große Zahl von Innovationen dieser Art in den nächsten Jahren auf uns zukommen wird.

Interview: Irmgard Thießen

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