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Interview mit Matteo Andreetto: „Es drängen sich Kooperationen auf“

12. Mrz 2018

Interview mit Matteo Andreetto: „Es drängen sich Kooperationen auf“Wachstum in den bestehenden Märkten schwierig − Innovation entscheidend − Besseres Risiko-Ertrags-Profil mit künstlicher Intelligenz

Im herkömmlichen Indexgeschäft gibt es nur noch eingeschränkte Wachstumsmöglichkeiten. In diesem Umfeld kommt es entscheidend auf Innovation an, ist Matteo Andreetto überzeugt. Der CEO des zur Deutschen Börse gehörenden Indexbetreibers Stoxx setzt unter anderem auf künstliche Intelligenz.

Herr Andreetto, das Indexgeschäft ist hart umkämpft. Wie kann man sich gegen Wettbewerber abheben?

Matteo Andreetto, Chief Executive Officer, STOXX Limited

Der Schlüssel ist die ,,User Experience‘‘. Unser Angebot berücksichtigt unterschiedliche Kundenanforderungen, die wir mit ganz spezifischen Produktsegmenten abdecken − von Qualitätsbenchmarks über maßgeschneiderte Indizes (iSTOXX) bis hin zu White-Label-Lösungen. Unsere Wettbewerber verfügen nicht über ein vergleichbar breit aufgestelltes Angebot, das die gesamte Wertschöpfungskette abdeckt. Apples berühmtes Motto ,,Think Different‘‘ spiegelt unseren Ansatz und Werte perfekt wider. Qualität und Innovation sind unsere Kernkompetenzen und Antreiber; wir wollen anders sein und die Investmentwelt verbessern − so wie wir es vor 20 Jahren mit der Einführung des Euro Stoxx 50 getan haben.

Was ist mit Ihrem Künstliche-Intelligenz-Index?

Auch mit unserem kürzlich lancierten, auf künstlicher Intelligenz basierenden Index haben wir ein Alleinstellungsmerkmal. Insgesamt betrachtet ist es aber in der Tat eine Herausforderung, in den bestehenden Märkten zu wachsen. So sind auf der geografischen Ebene die Felle weitestgehend verteilt. In den USA, im Euroraum oder etwa in Großbritannien dominieren die Indizes S&P 500, Euro Stoxx 50 und FTSE 100. Hier kann man entweder eine Akquisition tätigen oder die eigenen Indizes modernisieren, so wie wir das jetzt für die Dax-Indexfamilie erwägen.

Ein großer Trend der zurückliegenden Jahre sind Faktor-Indizes. Was kann man als Indexbetreiber hier erreichen?

Auch in diesem Segment gilt, dass Innovation entscheidend ist. Letztlich geht es hier im Wesentlichen um fünf bis sechs Faktoren wie Value, Growth, Volatilität et cetera, die sich allgemein etabliert haben. Innerhalb dieses Universums besteht aber Platz für innovative Ansätze, um sich von anderen Indexanbietern zu unterscheiden und mehr zu bieten. Wir sind in der glücklichen Lage, Teil eines Börsenkonzerns zu sein. Daher können wir beispielsweise Liquiditätsinstrumente für unsere Indizes zur Verfügung stellen. An der Eurex sind Futures auf unsere Faktor-Indizes handelbar. Hedgefonds, Assetmanager und Emittenten von ETF können sie für das Management von Produkten beziehungsweise die Umsetzung anlagetaktischer Einschätzungen nutzen.

Auf was für einen Zuspruch stoßen diese Future-Kontrakte?

Ihr Volumen wächst stark. Uns kommt es aber auf etwas anderes an. Wir wollen sehen, dass Investoren dazu übergehen, unsere Indexkonzepte zu nutzen, das heißt, dass echtes Geld in unseren Indizes angelegt wird. So hat Amundi im Januar einen auf unseren Indizes basierenden Multi-Faktor-ETF lanciert, der nach wenigen Wochen bereits Assets under Management in Höhe von 300 Mill. Euro hatte. Das ist ein sehr großer Erfolg.

Welche großen Trends kennzeichnen die Branche?

Wir haben festgestellt, dass es einen tiefgreifenden Wandel im Assetmanagement gibt. Aktive und passive Manager reagieren auf das starke Wachstum verfügbarer Daten und nutzen verstärkt Daten. Die Nutzung wächst geradezu explosiv. Auch wir Indexbetreiber nutzen immer mehr Daten und wollen aus Big Data Smart Data generieren. Die dritte große Anwendergruppe, die diesbezüglich im Übrigen eine Vorreiterrolle einnimmt, sind die Quant-Fonds.

Wie gehen Sie strategisch mit diesem Trend um?

Indexbetreiber müssen überlegen, ob sie sich für eine offene Datenarchitektur entscheiden oder nur eigene Daten nutzen. Wir haben uns vor zwei Jahren für eine offene Architektur entschieden. Daten sind überall verfügbar, ihre Menge verdoppelt sich jedes Jahr. Im Jahr 2030 wird es auf der Welt mehr Sensoren als Menschen geben. Wir halten es vor diesem Hintergrund für wichtig, mit allen nutzbaren Daten zu arbeiten. Dabei achten wir auf Verfügbarkeit, Zuverlässigkeit, Robustheit und Qualität. Hinzu kommen eine flexible IT sowie die Kooperation mit Partnern. Wir könnten die Daten alleine analysieren, aber angesichts des Volumens drängen sich Kooperationen nahezu auf. Unser Ansatz hat große Auswirkungen auf die Art und Weise, mit der wir Indizes gestalten. Und wir unterscheiden uns damit von den Wettbewerbern, die sich gegen eine offene Architektur entschieden haben.

Mit welchen Partnern arbeiten Sie zusammen?

Wir kooperieren unter anderem mit Kunden und Universitäten, um ein intelligentes Ökosystem für Investments zu schaffen. Unseren auf künstlicher Intelligenz basierenden Index, den Stoxx AI Global Artificial Intelligence Index, haben wir in Zusammenarbeit mit dem Silicon-Valley-Unternehmen Yewno lanciert. Dessen Technologie wird genutzt, um Patente und geistiges Eigentum von Unternehmen im Bereich künstliche Intelligenz zu bewerten. Wir werden auf der Input-Seite weitere Partner haben.

Auf welche Megatrends setzen Sie bei der Kreierung neuer Indizes?

Die Investment-Branche wird von drei großen Megatrends bestimmt. Einer sind neue Technologien. Dazu zählen neben dem bereits angesprochenen Thema künstliche Intelligenz beispielsweise Robotik, Big Data oder auch autonomes Fahren. Ferner ist der demografische Wandel ein großer Trend. Themen sind hier etwa Verbraucher in Schwellenländern und die Alterung der Bevölkerung. Drittens spielt der Klimawandel mit Themen wie Wasserknappheit eine immer größere Rolle. Die Erfassung dieser Themen wird immer stärker von Daten getrieben. Je mehr Daten man hat, desto besser kann man die Megathemen erfassen und desto mehr Smart Beta generieren, auch dies für uns ein wichtiges Element der Wettbewerbsfähigkeit. Wir haben im Ergebnis eine Familie thematischer Indizes, für die wir Lizenzen vergeben haben. So gibt es auf unseren thematischen Robotik-Index einen ETF, der innerhalb nur eines Jahres mehr als 1 Mrd. Euro eingesammelt hat.

Wie funktioniert der Stoxx AI Global Artificial Intelligence Index?

Die Ergebnisse können sich sehen lassen. Künstliche Intelligenz kann in der Datenanalyse und Auswertung vieles leisten, was Menschen nicht können. Daher gibt es von uns zwei Indizes, die den Trend künstliche Intelligenz abbilden. In einem Fall wählen Menschen Unternehmen aus, die einen nennenswerten Teil ihres Umsatzes mit Künstliche-Intelligenz-Produkten erwirtschaften. In dem anderen Fall werden die Unternehmen von künstlicher Intelligenz ausgewählt anhand von eingereichten Patenten. Der Unterschied zwischen beiden Indizes ist sehr interessant. Während der von Menschen zusammengestellte Index lediglich 30 Technologiewerte enthält, wählt die künstliche Intelligenz rund 200 Unternehmen aus, da die Maschine auch Firmen berücksichtigt, die mit künstlicher Intelligenz ihre eigenen Kostenstrukturen optimieren. So etwas fängt das auf Erlösen basierende Verfahren nicht ein. Der von Menschen zusammengestellte Index hat eine Sharpe Ratio von 1,46, die künstliche Intelligenz erzielt sogar eine Ratio von 1,56. Damit hat Letzterer ein besseres Risiko-Ertrags-Profil.

Das Interview führte Christopher Kalbhenn.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Börsen-Zeitung am 10. März 2018.

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