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Kristina Jeromin zu Nachhaltigkeit: „Deutschland nicht mehr an der Spitze“

03. Apr 2018

Kristina Jeromin zu Nachhaltigkeit: „Deutschland nicht mehr an der Spitze“Mit dem Nachhaltigkeitsdruck geht auch eine innovationsantreibende Wirkung einher

Kristina Jeromin, Head of Group Sustainability, Deutsche Börse AG

In puncto Nachhaltigkeit muss in Deutschland mehr getan werden, ist Kristina Jeromin, Head of Group Sustainability der Deutschen Börse, überzeugt. Im Interview betont sie, dass es nicht nur um schmerzhafte Schnitte geht, sondern auch um Geschäftschancen.

Frau Jeromin, welche Bedeutung hat Nachhaltigkeit für die Deutsche Börse?

Als Infrastrukturanbieter am Kapitalmarkt sind wir zum einen Dialogplattform und Mittler für Unternehmen und Investoren, besonders am Finanzplatz Frankfurt. Im Sinne unseres
öffentlich-rechtlichen Auftrags kommt uns auch für die Etablierung nachhaltiger Strukturen in der Finanzindustrie eine besondere Rolle zu. Hier sehen wir noch deutlichen Nachholbedarf. Zum anderen ist die Deutsche Börse selbst börsennotiertes Unternehmen. Nachhaltiges Handeln entsprechend in allen Geschäftsbereichen fest zu verankern, hat für uns hohe Priorität. Wir bieten unter anderem nachhaltige Indexprodukte an sowie Dienstleistungen, wie etwa kostenlose Bereitstellung von sogenannten ESG-Informationen, die Investoren einen Einblick in das Chancen- und Risikoportfolio unternehmerischer Wertschöpfung in Bezug auf ökologische, soziale und Unternehmensführungsaspekte erlauben.

Sie haben im vergangenen Jahr zwei Nachhaltigkeitsinitiativen gestartet – welche Ziele verfolgen Sie hier?

Accelerating Sustainable Finance ist eine Initiative, die wir gemeinsam mit Akteuren am Finanzplatz Frankfurt ins Leben gerufen haben. Die damals 22 Unterzeichner der Frankfurter Erklärung haben es sich zum Ziel gesetzt, das Thema Nachhaltigkeit in und aus der Finanzindustrie heraus voranzutreiben. Ein knappes Jahr später arbeiten bereits 50 Unterzeichner im Rahmen unterschiedlicher Task Forces an Themen wie beispielsweise Impact Investing oder wie nachhaltige Kapitalmarktprodukte in der Breite des Marktes implementiert werden können. Eine weitere Gruppe beschäftigt sich mit der Datengrundlage nachhaltiger Investitionen und wie man relevanten ESG-Informationen in der Kapitalmarktallokation integriert – und das nicht nur in der „grünen Nische‘‘, sondern als grundsätzliches Strukturmerkmal eines zeitgemäßen Finanzsystems. Es geht auch darum, diese Daten zu standardisieren, zu veredeln und transparent darzustellen. Zudem müssen sie an die Bedürfnisse der Investoren ausgerichtet werden und einfacher zugänglich sein.

Welchen Fokus hat die zweite Initiative?

Den Hub for Sustainable Finance Germany hat die Deutsche Börse zusammen mit dem Rat für Nachhaltige Entwicklung im letzten Jahr gegründet. Hier sollen die diversen Nachhaltigkeitsaktivitäten im Finanzsektor in Deutschland gebündelt und weiterentwickelt werden. Der Hub dient auch als Brücke zwischen der Finanzindustrie in Frankfurt, dem politischen Berlin und zivilgesellschaftlichen Akteuren. So haben wir aktuell am 18. April in Berlin zu einem politischen Diskurs zu notwendigen Entwicklungen im Bereich Sustainable Finance eingeladen.

Wie agieren die Investoren in Bezug auf das Thema?

Sie nähern sich bereits einer ganzheitlichen und zukunftsorientierten Herangehensweise. Dies geschieht durchaus nicht nur aufgrund regulatorischen Drucks, sondern aus dem wachsenden Verständnis, dass auf diese Weise ein valideres Risikomanagement möglich ist. Sie müssen beispielsweise prüfen, ob ein langfristiges Investment in ein Unternehmen mit Kohleaktivitäten vertretbar ist. So ist etwa der Umgang eines Unternehmens mit konkreten Ausstiegsplänen zu untersuchen. Hier kann und muss aber gerade im Hinblick auf einen verantwortungsvollen Umgang mit den treuhänderischen Pflichten noch mehr passieren.

Kann das auch etwas bei den Unternehmen bewirken?

Wenn Investoren signalisieren, dass sie nicht länger nur auf die klassischen kurzfristigen Finanzkennzahlen schauen, sondern sich ein ganzheitliches Bild von der Wertschöpfung eines Unternehmens machen, das auf mittel- bis langfristige Chancen- und Risikoprognosen basiert, ist das ein klarer Impuls für ein Unternehmen, das eigene Handeln zu überdenken. Damit geht auch eine innovationsantreibende Wirkung einher. Denn wenn bestimmte Kerngeschäfte zukünftig nicht mehr finanzierbar sind, kann das die Entstehung anderer Geschäftsmodelle fördern. Seit letztem September bin ich Mitglied des Vorstands von Econsense, dem Forum für nachhaltige Entwicklung der deutschen Wirtschaft. Mein Ziel ist es, hier das Bewusstsein der Industrie für das Thema Sustainable Finance zu schärfen. Es ist wichtig, dass die Unternehmen von der Transformation des Finanzsystems profitieren. Dafür müssen sie aber zunächst verstehen, wie sich diese vollzieht, um mit diesem Wissen dann entsprechend das eigene Geschäftsmodell weiterzuentwickeln.

Welche Rolle spielt das Thema Impact Investing?

„Do no harm“ ist noch kein Impact Investing. Das heißt, wenn Investoren die ESG-Dimension eines Unternehmens berücksichtigen, minimiert dies zunächst die negativen Auswirkungen der Investitionsentscheidungen und damit das Risiko. Impact Investing will neben der finanziellen Rendite ein konkretes gesellschaftliches Gut erreichen, also eine messbare Wirkung im Rahmen der Gestaltung zukunftsfähiger Strukturen im sozialen, ökologischen und ökonomischen Raum. Das können Investitionen in situierte Industriezweige sein, die den Wandel hin zu einem nachhaltigen Produktportfolio bewältigen müssen, oder eben die Finanzierung von neuen Geschäftsmodellen, die sich beispielsweise der Bekämpfung des Klimawandels, der Entwicklung neuer Mobilitätskonzepte oder dem erfolgreichen Umgang mit zeitgenössischen Herausforderung wie dem demografischen Wandel verschrieben haben.

Kommen hier die Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen ins Spiel?

Ja, mit 17 Zielen hat sich die internationale Staatengemeinschaft einen Fahrplan bis zum Jahr 2030 gesetzt, der alternativlos ist, wenn wir globales Wirtschaften, aber in erster Linie die Grundlagen unserer Existenz sichern wollen. Um die hierfür notwendigen Finanzierungen zu sichern, müssen wir uns endlich von der Fixierung auf kurzfristige Ausschüttung rein monetärer Gewinne lösen. Ziel muss es künftig sein, nicht nur Geld zu verdienen, sondern auch Wandel zu schaffen. Und das muss quantifiziert bzw. greifbar gemacht werden. Auch im Koalitionsvertrag der Bundesregierung ist vereinbart worden, Social Entrepreneurship zu fördern. Innovation voranzutreiben hat auch das Ziel, Deutschland als Wirtschaftsstandort zu erhalten.

Wie schlägt sich Deutschland?

Deutschland, das früher eine Vorreiterrolle in puncto Nachhaltigkeit hatte, ist hier leider schon lange nicht mehr an der Spitze. Ein Beispiel ist die Energiewende und ihre Finanzierung. Es gibt Hemmnisse, bestimmte Schritte zu gehen, ein gefährliches Beharren auf einem Status quo, der nicht zu halten ist. Dabei reden wir nicht nur von Risiken, sondern auch von verpassten Chancen. Es besteht eine dringende Notwendigkeit eines breiten bereichsübergreifenden Agierens von Finanzwirtschaft, Regierung und Industrie. Gerade und vor allem im Hinblick auf den Action Plan in Sustainable Finance der EU-Kommission, der als Reaktion auf die Empfehlung der EU High Level Expert Group formuliert wurde und nun umgesetzt werden soll, ist das von großer Bedeutung. Deutschland war bereits im Rahmen der Formulierung der Empfehlungen nicht so stark eingebunden wie beispielsweise Frankreich oder auch Belgien. Das schlägt sich natürlich auch inhaltlich in den Papieren nieder.

Was könnte getan werden?

Wir brauchen in Deutschland vor allem einen gemeinsamen Standpunkt, es fehlt aktuell auch im europäischen und internationalen Diskurs eine deutsche Stimme. Wir müssen uns jetzt klar positionieren und einbringen, auch im Schulterschluss mit dem unter Macron sehr proaktiven Frankreich. Der Hub for Sustainable Finance hat zehn Thesen mit Handlungsempfehlungen zur Implementierung einer nachhaltigen Finanzwirtschaft in Deutschland veröffentlicht, die eine gute Diskussionsbasis darstellen. Notwendig sind gemeinsame Rahmenbedingungen, an denen sich alle orientieren können. Die grundsätzlichen Probleme benötigen eine zentrale Instanz, das heißt Führung. Viele Veränderungen sind mit schmerzhaften Schnitten verbunden, vor denen aktuell noch zurückgescheut wird. Es geht aber auch darum, neue Geschäftsmöglichkeiten zu generieren. Andere Länder sind längst auf dem Weg.

Das Interview führte Christopher Kalbhenn

Der Artikel erschien erstmals am 30. März 2018 in der Börsen-Zeitung zur Serie Nachhaltigkeit im Finanzsektor der Finanzsektor wird grüner.

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