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Philippe Seyll, Clearstream Banking: „Bereit für Normalisierung der Geldpolitik“

21. Feb 2018

Philippe Seyll, Clearstream Banking: „Bereit für Normalisierung der Geldpolitik“Der Manager des internationalen Zentralverwahrers über das Auslaufen der quantitativen Lockerungspolitik und Markttrends

Der Co-CEO des internationalen Zentralverwahrers Clearstream Banking SA, Philippe Seyll, sieht die Märkte an einem Wendepunkt, wie er im Gespräch sagte. Bei einer Normalisierung der Geldpolitik nehme die Bedeutung von Sicherheitenmanagement und Wertpapierleihe zu. Aber es gibt auch regulatorische Knackpunkte.

Phillipe Seyll
Philippe Seyll, Co-CEO des internationalen Zentralverwahrers Clearstream Banking SA, stellt fest, dass die quantitative Lockerungspolitik der Notenbanken vor allem die Menge an verfügbaren Sicherheiten (Collateral) im Markt verringert hat. Es gebe aber keine generelle Knappheit an Collateral, sondern vor allem von hochqualitativen liquiden Assets, den sogenannten HQLA, sagt er im Gespräch mit der Börsen-Zeitung am Rande des GFF-Summit von Clearstream in Luxemburg.

Als Beispiel nennt Seyll eine 2042 fällige 30-jährige Bundesanleihe mit ansprechender Rendite. Im vergangenen Juni sei ein Terminkontrakt darauf fällig geworden, und Clearstream habe da eine Knappheit an Papieren im Markt festgestellt. Aufgefallen sei dies, weil der zur Deutschen Börse gehörende Wertpapierabwickler über das automatisierte Leiheprogramm für die Umsetzung der Wertpapierverleihgeschäfte unter anderem für die Bundesbank im Rahmen des Asset Purchase Programme (APP) zuständig ist.

Collateral kommt zurück

„Diese Situation wird sich verändern“, sagt Seyll. Eine Studie von Wells Fargo besage, dass die QE-Maßnahmen der globalen Notenbanken in den letzten zwei Jahren mehr Staatsanleihen von G 10-Ländern absorbiert haben, als diese neue Anleihen emittierten. 2018 würden die Notenbanken nur noch rund 40 % der Neuemissionen absorbieren. Dies könne bedeuten, dass die Anspannung im Collateral-Markt insgesamt sinke. „Das ist gut, denn die Regulatoren verlangen von den Märkten, dass die Marktteilnehmer ihre Transaktionen stärker absichern“, sagt Seyll.

Er sieht diese regulatorischen Vorgaben als „wichtige Voraussetzung für stabile Märkte“. Die Deutsche Börse und Clearstream würden den Markt bei deren Erfüllung unterstützen, so Seyll: „Zunächst hat der Regulator von den Sell-Side-Firmen verlangt, Transaktionen mit entsprechenden Sicherheiten zu unterlegen. Jetzt betrifft das auch Buy-Side-Adressen. Letztere haben aber nicht ganz die richtigen Abwicklungssysteme und Sicherheiten-Pools zur Verfügung. Daher greifen sie zum Beispiel auf unsere Lösungen zurück.“

Kostensenkung machbar

Durch die breitere Verwendung von Collateral könnten auch die Kosten für deren Management sinken, was wiederum die Attraktivität entsprechend besicherter Transaktionen erhöhe. „Wir erwarten einen positiven Trend in diese Richtung.“ Das daraus neu entstehende Gleichgewicht dürfte im Lending-Geschäft von Clearstream zu einer Transformation führen, das Collateral-Geschäft dürfte parallel dazu anziehen.

Das 2017 zusammengeführte Global-Funding- und Financing-Angebot (GFF) der Gruppe Deutsche Börse biete eine breite Palette an Dienstleistungen aus einer Hand an: Transaktionen können entweder über die Börse oder außerhalb der Börse abgewickelt werden und gecleart werden oder nicht. „Es gibt elektronischen Handel und zentralisiertes Clearing, und zwar über GC-Pooling. Aber gleichzeitig gibt es auch elektronischen oder bilateralen Handel ohne zentralisiertes Clearing, nämlich über Triparty-Repo oder E-Triparty-Repo“, sagt Seyll. Die Nutzung von GFF nehme zu - sowohl auf der Sell Side als auch der Buy Side und von Fixed Income bis hin zu Aktien.

Ein zentrales Element für Clearstream sei die Rolle in der Umsetzung der Geldpolitik der Zentralbanken. In welchem Maße und in welcher Geschwindigkeit werden sie die im Rahmen von QE erworbenen Wertpapiere wieder in den Markt zurückgeben? Je nachdem habe dies Kursrelevanz im Markt. Die Zentralbanken würden Infrastrukturbetreibern mit Collateral-Management-Dienstleistungen dabei eine Aufgabe in der Normalisierung der Geldpolitik zuweisen. „Als europaweit tätiger Marktinfrastrukturbetreiber sind wir natürlich bereit, eine entsprechende Rolle beim Auslaufen der QE-Strategie der EZB einzunehmen“, stellt Seyll fest. Wichtig sei etwa, dass der Infrastrukturbetreiber dabei Anonymität gewährleisten könne: „Es ist nicht sichtbar, von wem die Wertpapiere zurück in den Markt gebracht werden und wer sie kauft“, erklärt Seyll. Für die verschiedenen Elemente im Normalisierungsprozess werde Clearstream eng mit den europäischen Notenbanken und der EZB zusammenarbeiten.

Dabei werde auch die vom Eurosystem betriebene europäische Wertpapierabwicklungsplattform T2S eine Rolle spielen. „Die Entfesselung der Liquidität im Anleihenmarkt durch die Notenbanken wird über T2S günstiger gemacht“, so Seyll. Clearstream verfolge das Konzept des Investor-CSD, also eines Zentralverwahrers (CSD), der in anderen Märkten für heimische Investoren stellvertretend die Titel hält - und zwar über T2S. „Wir sind da schon gut vorangekommen“, sagt der Clearstream-Banking-Co-CEO. Als Marktakteur sei es günstiger, nur einen einzigen Zugang zu allen Märkten zu haben. „Hier liegt die Kosteneinsparung von T2S.“

Chancen sieht Seyll im Wertpapierleihegeschäft (Securities Lending). Als Principal Lender im Clearstream-Lending-Programm verleihe das Unternehmen Wertpapiere an den zentralen Kontrahenten (CCP) der Terminbörse Eurex. Der CCP tritt dabei als Garant zwischen zwei Parteien in einer Termintransaktion.

Auf der regulatorischen Seite beschäftige Clearstream vor allem die Zentralverwahrer-Verordnung CSDR, hier mache man aber Fortschritte. Laut Seyll ist Clearstream nicht vergleichbar mit Agent-Banken, die für ihre Kunden Wertpapierdienstleistungen übernehmen. „Wir sind anders.“ Im Prinzip sei es das Ziel von Regulierung, stabilere, sichere, einfachere und transparentere Märkte zu schaffen. Clearstream stehe am Ende der Dienstleistungskette. Regulierung sei nichts Neues, sondern bringe nur „mehr Wind in unsere Segel“.

Buy-in als Herausforderung

Eine Herausforderung für den Markt erkennt der gebürtige Belgier Seyll in der Zentralverwahrer-Regulierung (CSDR). Er teilt Befürchtungen, wonach durch die Einführung von Pflichteindeckungen (Buy-ins) und Bußen für fehlgeschlagene Abwicklungen der Repo-Markt beeinträchtigt werden könnte. „Ein Drittel dessen, was wir besichern, kommt aus Repo-Geschäften, ein Drittel aus dem, was Zentralbanken mit uns absichern, und ein Drittel aus dem Securities-Lending-Geschäft. Aber wir sind nicht nur ein Repo-Dienstleister, sondern haben verschiedene Ansätze.“ Es gebe also Flexibilität. Der zwangsweise Buy-in sei aber „definitiv eine Belastung für den Repo-Markt“, meint Seyll. „Dieser Markt ist bereits teuer. Niedrige Zinsen haben ihn weniger attraktiv gemacht als früher. Die regulatorischen Vorgaben zur Besicherung von Transaktionen sind ein Hemmnis, und nun kommen noch weitere Pflichten wie Buy-ins dazu.“ Die Buy-in-Verpflichtungen werden einen Einfluss auf die bereits angespannte Lage von knappem - und dadurch teurem - Collateral haben. „Was wir hier sehen, sind unbeabsichtigte Auswirkungen von sich überlappenden Regularien. Niemand hatte die Absicht, den Märkten zu schaden, aber auch Regulierungen, die eigentlich fern des Repo-Marktes sind, zeigen hier Auswirkungen.“

Durch die Drosselung der Liquiditätszufuhr von Seiten der Zentralbanken werde es auch auf der Cash-Seite zu Veränderungen kommen, hält der Manager fest. Aber das seien alles bewegliche Elemente. „Wenn mehr Wertpapiere in den Markt zurückkommen und die Repo-Seite dadurch stärker wird, ist der Einfluss weniger belastend.“

Mit der Akzeptanz des als GFF (Global Funding and Financing) beworbenen Angebots von Deutsche Börse und Clearstream ist Seyll „zufrieden“. Im Markt sei eine Verschmelzung verschiedener Einheiten für Repo und Wertpapierleihe sowohl auf der Buy Side als auch auf der Seite der institutionellen Vermögensverwalter festzustellen. „Damit haben unsere Kunden einen einzigen Ansprechpartner und können von Synergien entlang der Wertschöpfungskette der Gruppe Deutsche Börse profitieren“, wirbt Seyll. Dafür notwendige begleitende Prozesse seien entscheidend. Die Spreads in den Transaktionen seien so gering, dass fehlendes Prozess-Know-how eine Transaktion scheitern lassen könne.

Von Dietegen Müller, Luxemburg
Der Artikel ist zuerst in der Börsen-Zeitung vom 20. Februar 2018 erschienen.

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