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Strukturbruch am Derivatemarkt

12. Dez 2017

Strukturbruch am DerivatemarktThomas Book, CEO der Eurex Frankfurt AG

Thomas Book
Noch 26 Tage, dann geht es endlich los: Die Markets in Financial Instruments Directive (MiFID II) tritt in Kraft. Damit beginnt nach jahrelangen Vorbereitungen der wohl größte Strukturbruch, den Europas Derivatemärkte je erlebt haben. Zehn Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise kommen wir so dem Ziel der G20, die Märkte sicherer und transparenter zu gestalten, einen wichtigen Schritt näher.

Das ist eine gute Nachricht. Schließlich steht Europa vor einer Zeit massiven Wandels. Der Brexit und sich verändernde Beziehungen zu wichtigen Handelspartnern wie den USA, Russland oder der Türkei sorgen für erhebliche Unsicherheit. Und insbesondere in solchen Zeiten sind stabile und widerstandsfähige Märkte von erheblicher Bedeutung.

Futures ersetzen Swaps

Was bedeutet der bevorstehende Strukturbruch für eine Börse wie die Eurex? Nun, zunächst einmal unterstützt die regulatorische Agenda unser Geschäftsmodell. Denn sie fördert eine Transformation der Derivatemärkte zugunsten zentraler Infrastrukturen und elektronischen Handels. Das, wofür Börsen immer standen − die zentrale Preisfindung im offenen Orderbuch −, wird regulatorisch verankert nun auch am Derivatemarkt zum Zielbild. Insgesamt möchte der Gesetzgeber möglichst große Teile des Terminmarkts auf regulierte Plattformen bringen. Dabei nutzt er neben der MiFID II auch andere Regelwerke wie die Kapitaladäquanzverordnung CRR, welche − vereinfacht gesagt − für das außerbörsliche Derivategeschäft die Kapitalkosten erhöht. Das erzeugt in der Finanzbranche erheblichen Kosten- und Konsolidierungsdruck und steigert die Nachfrage nach börsengelisteten Alternativen.

An der Eurex entwickeln wir in diesem Umfeld in immer kürzeren Innovationszyklen neue Instrumente, die im Vergleich zu den noch vorherrschenden bilateral gehandelten Derivaten sowohl operativ als auch in der risikotechnischen Umsetzung ,,einfacher‘‘ sind. Und, noch wichtiger: Sie sind im Vergleich günstiger.

Wie der Übergang von bilateralem Geschäft hin zu transparentem Handel im offenen Orderbuch aussehen kann, zeigt kaum ein Produkt besser als unsere Total Return Futures, die Aktien- gegen Zinserträge tauschen. Wir bieten hier einen börsengehandelten Ersatz für bilateral gehandelte Total Return Swaps an. Seit der Einführung vor einem Jahr haben wir es geschafft, 10% des OTC-Marktes auf unser Produkt zu migrieren.

Zusammen mit großen Banken, darunter BNP Paribas, stellen wir tagtäglich ein robustes Preisbild im transparenten Orderbuch sicher. Damit sind die Total Return Futures eines der ersten Beispiele für ,,Futurization‘‘ − einem schon lange erwarteten Trend, bei dem Futures langfristig Swaps ersetzen.

Mit diesem und anderen neuen Angeboten wie Corporate Bond Futures unterstützen wir unsere Kunden inmitten der massiven Herausforderungen, die sie meistern müssen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Dabei geht es schon lange nicht mehr nur um Banken. Seit der Finanzkrise ist die Bedeutung anderer Marktteilnehmer stark gewachsen. Es sind zunehmend spezialisierte Eigenhändler und Market-Making-Firmen, welche die Bedürfnisse und Anforderungen institutioneller Kunden erfüllen. Daher betonen wir regelmäßig die Notwendigkeit einer verhältnismäßigen Regulierung dieser Firmen − schließlich leisten sie zunehmend einen wichtigen Beitrag für das Wirtschaftswachstum in Europa. Und angesichts dessen, was uns mit dem Brexit bevorsteht − die schleppenden Verhandlungen sind besorgniserregend −, ist jeder Beitrag zum Wirtschaftswachstum notwendig. Dass in Brüssel intensiv über die Kapitalmarktunion und eine Vertiefung der Wirtschafts- und Währungsunion diskutiert wird, ist ein gutes Zeichen. Ein integriertes, gut funktionierendes Finanzsystem ist dafür unerlässlich. Ein Teil davon sind stabile, effiziente und transparente Derivatemärkte. Sie sind eine wichtige Voraussetzung für nachhaltiges Wirtschaftswachstum.

Bei all diesen Themen spielt der Finanzplatz Frankfurt eine wichtige Rolle. Hier arbeiten wir mit unseren Kunden und Aufsehern zusammen, um den regulatorisch gewollten Übergang des außerbörslichen Geschäfts auf die Börse voranzutreiben. Die Innovation und das ,,Ingenieurswesen‘‘, die hinter neuen Produkten wie Total Return Futures stehen, finden am Main statt und werden von Hessen aus in die Welt exportiert.

Integriertes Geschäftsmodell

Gleichzeitig unterstützen wir mit unserer Produktpalette Investoren aus aller Welt bei ihren Investments im Euroraum. Ohne die Möglichkeit, Risiken effizient zu managen, kann dieser Tage kaum noch jemand Kapital transferieren. Wir bieten diese Möglichkeit und tragen so zur Attraktivität von Europas Kapitalmärkten bei. Als in Deutschland regulierte Börse steht die Eurex dabei wie kaum ein anderer Terminmarkt für Transparenz, Liquidität und globale Konnektivität.

Unser integriertes Geschäftsmodell mit Handel und Clearing − und innerhalb der Gruppe Deutsche Börse auch mit Sicherheitenmanagement und Indexgeschäft − bietet gerade in Bezug auf Produktinnovationen Wettbewerbsvorteile. Im Vergleich zu horizontalen Modellen können wir Innovationen ganzheitlich angehen.

Bei all dem liegt unser Augenmerk zuallererst immer auf der Systemstabilität. Unsere Innovationen zielen vor allem darauf ab, die Marktintegrität zu stärken. Das geschieht vor allem durch Transparenz. Dabei geschieht Wandel nicht über Nacht, der angestoßene Weg vom außerbörslich gehandelten Derivat in ein zentrales, transparentes Orderbuch ist lang. Wir können ihn aber durch Produktinnovationen mit neuen Marktmodellen, direkten Zugangsmodellen für institutionelle Kunden sowie effizienten Risikomodellen oder neuen Marktmodellen steuern und so die regulatorische Agenda mit aller Kraft unterstützen.

Der Artikel ist zuerst in der Börsenzeitung vom 8. Dezember 2017 erschienen.

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