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Volatilität – die Karriere eines mathematischen Terminus

06. Apr 2018

Volatilität – die Karriere eines mathematischen Terminus Status – Bewegte Märkte

„Niedrige Volatilität“ wird in Anlegerforen und in der Wirtschaftspresse viel diskutiert. Aber: Wenn ein mathematischer Ausdruck zum Modewort wird, ist Vorsicht geboten. Ungenaue Definitionen verbreiten sich schnell und bleiben lange haften.

Grundsätzlich ist Volatilität das Maß, in dem Werte von einem errechneten Mittelwert abweichen – im Aktienmarkt also das Ausmaß der Preisdifferenzen in einem gegebenen Zeitraum. Niedrige Volatilität herrscht dann auf dem Aktienmarkt, wenn die Schwankungen der Preise sich nah am Mittelwert bewegen. Bei hoher Volatilität hingegen ist der Unterschied zwischen dem Mittelwert und den Preisen für die gehandelten Aktien sehr groß.

Profis machen Märkte

Wie kommen diese Preisabweichungen zustande? Marktteilnehmer haben verschiedene Erwartungen, die sich in unterschiedlichen Preisen widerspiegeln. Hier gilt: Unsicherheiten erhöhen die Volatilität, da jeder Anleger entsprechend seines eigenen Zukunftsszenarios handelt.

Das bringt im Falle von Profis, also institutionellen Anlegern, den Markt in Bewegung. Wie spielen solche mittel- und langfristigen Bewegungen am Aktienmarkt und eher punktuelle Preisabweichungen zusammen? „Professionelle Händler benötigen Abweichungen im Preis, um – zum Beispiel durch das Setzen von Preislimits – den Einstieg in den und den Ausstieg aus dem Markt zu schaffen“, erklärt Oliver Roth, Aktienleiter Parkett bei der Oddo Seydler Bank. „Gerade bei langfristigen Trends brauchen Anleger eine gewisse Volatilität, um in den Trend investieren zu können.“

Ein Ereignis, unterschiedliche Folgen

Hohe Volatilität löst also verschiedene Aktivitäten bei den Marktteilnehmern aus. Einige sichern sich ab (Hedging), andere kaufen und verkaufen. Geschäfte werden vermehrt zu unterschiedlichen Preisen abgeschlossen. Das zieht wiederum neue Marktteilnehmer an: Die Handelsaktivität steigt und Marktteilnehmer mit unterschiedlichen Zielen und Präferenzen finden attraktive Gelegenheiten. Der Markt wird immer liquider und diverser.

Dieses Umfeld bietet Händlern gute Möglichkeiten, in den Markt ein- und auszusteigen. Das erhöht auch die Handelsvolumina. „Es geht beim Thema Volatilität aber nicht in erster Linie um die Volumina des Handels“, sagt Oliver Roth. „Kurzfristig wirken sich hohe Preisabweichungen nicht auf das Handelsvolumen in den Beständen großer Investoren aus.“ Kurzfristig – damit sind hier wenige Tage gemeint. „Nach etwa vier Wochen sehen wir durchaus auch bei diesen Marktteilnehmern Auswirkungen auf die Volumina; die Händler passen ihre Portfolios an die Marktbedingungen an“, so Roth.

Historisch niedrige implizite Volatilität

2017 hatten wir einen Markt mit historisch niedriger Volatilität. „2017 zeigte uns der VSTOXX der Gruppe Deutsche Börse – der Index, der die sogenannte implizite Volatilität für die Eurozone anzeigt – Werte von unter 11 Prozent“, sagt Zubin Ramdarshan, Abteilungsleiter im Bereich Produktentwicklung der Terminbörse Eurex. „Etwas fällt dabei auf: Wir sehen diese historisch niedrigen Werte bei einem Aktienmarkt, der neue Allzeithochs erreicht. Insofern spiegelt der niedrige VSTOXX auch die stark steigende Gesamttendenz des Marktes, ohne größere Rückschläge und Einbrüche.“ Aber nicht jeder Händler und nicht jede Art von Handelsaktivität waren von der niedrigen Volatilität betroffen. Der Händler Oliver Roth erklärt: „Für mein direktes Umfeld sehe ich durchaus einen hinreichend volatilen Markt, der nach oben geht. Kurzfristig gab und gibt es nämlich immer Preise, die weit genug von einem vorigen Preis abweichen und die Anlegern einen Einstieg ermöglichen.“

Auch wenn sich der Handel und die Märkte schnell auf die neue Lage einstellen – ein Phänomen bleibt das niedrige Volatilitätsniveau von 2017 dennoch. Zubin Ramdarshan erklärt: „Ich denke schon, dass es ein Maß an Volatilität gibt, das man ‚normal‘ nennen kann. Das ist aber ein rein rechnerischer Wert. Legt man eine andere Zeitleiste an, ergeben sich entsprechend andere Durchschnittswerte. Ich würde dennoch sagen, dass die europäischen Aktienmärkte in den vergangenen Jahrzehnten eine typische und sozusagen ‚normale‘ Volatilität von 20 bis 30 Prozent aufwiesen; in den USA von 15 bis 25 Prozent.“

Ein Ursachenbündel

Volatilität – drei Konzepte

Historische Volatilität: Sie ist die sog. Standardabweichung, das Schwanken der realen Werte um einen errechneten gleitenden Mittelwert, der sich als Kurve oder Gerade darstellen lässt.

Intraday-Volatilität: Hier nutzt man Preise zum Handelsstart und Handelsschluss; dazu kommen Tageshöchst- und Tagestiefstwerte.

Implizite Volatilität: Sie bildet – nach einem auf Optionspreise angewandten komplexen Rechenmodell – die Erwartungen ab, die im Markt vorherrschen.

Was aber sind die Ursachen für die sehr moderaten Preisausschläge im letzten Jahr? „Als Hauptursache sehe ich zwei ‚Aufkäufer im großen Stil‘, die relativ neu im Markt sind“, so Zubin Ramdarshan. „Zum einen die Zentralbanken, die Anleihen und andere Wertpapiere kaufen, zum anderen die ETFs. Jeder temporäre Marktrückgang im letzten Jahr führte zu weiteren ETF-Zuflüssen nach dem ‚Buy-the-Dip‘-Prinzip, bei dem Anleger kleinere Kursrückschläge zum Kauf nutzten. So blieb der Aktientrend positiv und damit die Volatilität niedrig.“

Schließlich sind es auch neue, zum Teil durch innovative Technologien angetriebene Handelsstile, die größere Preisausschläge verhindern. „Positionen werden rascher als früher geschlossen – Kauf und Verkauf erfolgen sehr schnell, sobald sich eine Preisänderung eingestellt hat. Das führte dazu, dass große Verkaufswellen am Aktienmarkt 2017 nur jeweils wenige Tage angedauert haben“, so Ramdarshan.

Kein Grund zur Sorge

„Wir haben trotz einschneidender politischer Ereignisse und gewisser Unsicherheiten keine längerfristigen Preiseinbrüche auf dem Markt gesehen“, fasst Oliver Roth zusammen. „Die Märkte funktionieren – für den Privatanleger und für den Profihändler. Das ist eine gute Nachricht.“

Volatilität – Indizes

Die Gruppe Deutsche Börse bietet über STOXX eine Reihe von entsprechenden Indizes an. Die implizite Volatilität ist zu einer wichtigen Grundlage für Produkte geworden.

Zubin Ramdarshan bestätigt diese Einschätzung. „Im Unterschied zu einer weit verbreiteten Annahme sind sehr große Volatilitäten nicht per se gut für das Geschäft der Börsen als Betreiber der Marktplätze. Eine hohe Volatilität führt nur zu kurzfristig höheren Handelsaktivitäten“, ist Ramdarshan überzeugt. „Im Gegenteil: Mittelfristig verschreckt eine ausgeprägte Volatilität die Händler, die ihre Positionen dann schließen.“

Das war 2017 nicht der Fall. Die positiven Aspekte überwiegen, so Ramdarshan: „Wir sahen zum Jahresende zwar geringfügig kleinere Handelsvolumina, dafür jedoch sehr intakte und sogar steigende Niveaus der offenen Kontrakte.“ Die Deutsche Börse hat als Börsenbetreiber darauf keinen direkten Einfluss; sie ermöglicht und unterstützt aber einen liquiden Markt mit einem sehr breit gefächerten, diversifizierten Orderbuch. Damit bietet sie für den größtmöglichen Kundenkreis einen attraktiven Handel in einem breiten Spektrum an.

Diesen und weitere spannende Artikel finden Sie im Annual 2017 der Gruppe Deutsche Börse.

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