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Vom Parketthandel in den App Store

07. Mrz 2017

Vom Parketthandel in den App StoreVon Carsten Kengeter, Vorstandsvorsitzender Deutsche Börse AG

Angesichts des bevorstehenden Austritts Großbritanniens aus der Europäischen Union stehen die Zeichen am Finanzplatz Frankfurt auf Veränderung. Wir alle müssen uns auf neue Zeiten einstellen, in denen das Vereinigte Königreich und der Kontinent nicht mehr vollständig im Gleichschritt laufen. Für Frankfurt birgt das große Chancen, viele davon sind eng mit der Rolle der Gruppe Deutsche Börse verbunden. Das bringt auch mich seit einigen Monaten dazu, immer wieder darüber nachzudenken, was genau eine Börse heute eigentlich ist – und wie ich das am besten vermitteln kann. Schließlich spreche ich seit Monaten intensiv mit Vertretern verschiedener Interessengruppen über Standortpolitik, Wettbewerbsfähigkeit – und vor allem über die Zukunft.

Dabei stelle ich fest: Wenn der Begriff „Börse“ fällt, denken viele nach wie vor an einen Handelssaal, in dem es laut und hektisch zugeht, weil Transaktionen direkt zwischen Maklern vereinbart werden. Das Unternehmen, das ich führe, ist jedoch ein anderes. Börsen sind heute Hochtechnologieunternehmen, die alles dafür tun, Märkte stabil, sicher und transparent zu gestalten – und das nicht nur im Handel, sondern vor allem auch im Nachhandel, dem Datengeschäft und bei regulatorischen Dienstleistungen.

Während der Wandel in vielen anderen Branchen – zum Beispiel Telekommunikation – für jedermann greifbar ist, hat er sich im Börsenwesen still und leise vollzogen. Der Weg vom Festnetztelefon mit Drehscheibe zum Smartphone ist der Öffentlichkeit gut bekannt, die technologischen Fortschritte an der Deutschen Börse hingegen weniger.

Dabei ist der technische Fortschritt für die Funktionsweise der Märkte essenziell. Elektronische Orderbücher sorgen für ein Höchstmaß an Preisqualität, Effizienz und Transparenz. Im Nachhandel stellen Risikomanagement in Echtzeit und eine ausgefeilte Sicherheitenverwaltung sicher, dass alle Geschäftspartner jederzeit vor Ausfällen geschützt sind. Im Notfall springt die Deutsche Börse ein und sorgt dafür, dass Schieflagen einzelner nicht das Gesamtsystem gefährden. Dabei gilt: Je hochwertiger unsere Technik ist, desto stärker können wir die regulatorische Agenda unterstützen und desto besser können wir unseren Kunden und der Realwirtschaft dienen. Und genau das ist unsere Aufgabe.

Daher vergeht kein einziger Tag, an dem in der Deutschen Börse nicht Neues gedacht wird. Leitmotiv dabei ist das Schlagwort „Börse 4.0“. Wir konzipieren digitale Prozesse, kümmern uns um computergestützte Analysemöglichkeiten für große Datenmengen und den Umgang mit mobilen Endgeräten. Das wird unsere DNA schrittweise verändern. So geht es nicht nur uns, sondern dem gesamten Finanzsektor.

Die Deutsche Börse hat die besten Voraussetzungen, diesen Wandel zu gestalten, weil sie Veränderungen prägen kann. Als in den 1990er Jahren die Zeichen im Börsensektor auf Disruption standen, haben wir die neuen Möglichkeiten für den elektronischen Handel genutzt und einen grenzüberschreitenden Marktzugang, offene Orderbücher und Marktdaten in Echtzeit eingeführt. Die Deutsche Börse war in diesem Feld einer der Pioniere. Und man muss ganz klar anerkennen: Das ist einer der Gründe dafür, warum wir heute so gut dastehen.

In den kommenden fünf Jahren wird sich die Börsenwelt komplett verändern. Daher haben wir alle Signale auf Innovation gestellt. Der erste Schritt erfolgte vor mehr als einem Jahr mit der Übernahme der digitalen Devisenhandelsplattform 360T. Die Eingliederung dieses deutschen FinTech-Erfolgs hat die Innovationskultur der gesamten Börse angeschoben.
Informationen aus dem und über den Markt waren stets der Lebensnerv der Finanzwelt. Im Zeitalter von „Big“ und „Smart“ Data werden sie immer wichtiger. Unser Data Lab stellt Kunden neue analytische Werkzeuge zur Verfügung. Konkret arbeiten wir an der präzisen Vorhersage von Transaktionskosten oder an Angeboten auf Basis künstlicher Intelligenz. Die Börse 4.0 soll Daten in Investment-Instrumente verwandeln. Das Ziel ist ein Angebot, das so vielfältig und im Bestfall so einfach zu bedienen sein wird wie ein „App-Store“.

Die großen Herausforderungen bei der Gestaltung der Börse 4.0 lassen sich jedoch nicht allein bewältigen. Daher setzen wir auf intelligente Partnerschaften, zum Beispiel im Umgang mit der Blockchain -Technologie. Sie ist, vereinfacht gesagt, ein digitales Register für elektronische Transaktionen, das es allen Teilnehmern erlaubt, direkt miteinander zu kommunizieren. Mit unserer Beteiligung am Unternehmen Digital Asset sind wir in der Lage, innovative und vielversprechende Prototypen im Bereichen Clearing und Sicherheitenmanagement zu entwickeln, welche die aus heutiger Sicht relevanten Teile unserer Wertschöpfungskette abdecken. Die Zusammenarbeit mit einer internationalen Gruppe von Zentralverwahrern erlaubt dabei eine grenzüberschreitende Bereitstellung von Wertpapiersicherheiten. Diese wird seit der Finanzkrise auch von Aufsichtsbehörden verstärkt gefordert, um Risiken im Finanzsystem zu verringern. Unser bereits vorgestellter und wegweisender Blockchain-Prototyp mit der Bundesbank nutzt diese Innovation ebenso.

Partnerschaften werden uns auch im Cloud-Computing einen Vorsprung verschaffen, große Datenmengen nutzbar machen und die Sicherheit und Widerstandsfähigkeit unserer komplexen Plattformen garantieren. Ich bin überzeugt davon, dass wir auf einem sehr guten Weg sind.

Bei allem Fortschritt dürfen wir zwei Dinge aber nicht vergessen. Erstens: Die Vorteile der Börse 4.0 lassen sich nur dann erreichen, wenn sie mit einem hohen Maß an Verantwortung einhergehen – für die Kunden der Deutschen Börse und für die deutsche und europäische Finanzinfrastruktur. Transparenz, Stabilität und Zuverlässigkeit sind die Prinzipien, die uns als Börsenorganisation auszeichnen. Unsere Produkte und Dienstleistungen sollen einfach zu verstehen sein, bei transparenten und erkennbaren Risiken sowie geringer Komplexität. Nur so schaffen wir Sicherheit und gleiche Wettbewerbsbedingungen für alle. Auch für die Stabilität ist Kooperation zentral: Ein konstruktives Verhältnis zu Politik und Regulierungsbehörden ist in dieser Phase des Umbruchs noch wichtiger als sonst. Wir nehmen daher lokale, nationale und öffentliche Interessen sehr ernst.

Zweitens: Innovation braucht eine starke und verlässliche Heimat. Für uns ist das seit Jahrzehnten Frankfurt. Obwohl wir ein global agierendes Unternehmen sind, sind und bleiben wir in der Region verwurzelt. Wir sind überzeugt davon, dass die Stadt uns auch in Zukunft helfen wird, unsere Ambitionen als Innovator und Gestalter internationaler Märkte zu verwirklichen – auch zum eigenen Vorteil. Denn die Deutsche Börse trägt Verantwortung für den Finanzplatz und dessen Weiterentwicklung. Nur mit diesem gegenseitigen Versprechen kann das Wagnis „Start-up trifft DAX-Konzern“ gelingen und Früchte tragen.

Der Namensartikel erschien erstmals am 7. März 2017 in der Sonderbeilage „Finanzplatz Frankfurt“ der Börsen-Zeitung.

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