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Kristina Jeromin: „Sustainable Finance ist noch immer ein Nischenthema“

02. Dez 2019

Kristina Jeromin: „Sustainable Finance ist noch immer ein Nischenthema“

Frau Jeromin, wie weit ist die Börse bei dem Thema Nachhaltigkeit gekommen seit dem vorigen Jahr?

Als Anbieter von Finanzprodukten und -Marktinfrastruktur haben wir unsere eigene Sustainable Finance- und Produkt-Infrastruktur weiter ausgebaut. Wir bieten mittlerweile über 100 ESG-Indizes, darunter beispielsweise eine ausgewiesene Low Carbon-Indexfamilie, die sich aus Daten von CDP, dem Carbon Disclosure Project, zusammensetzt. Dort haben wir Anfang dieses Jahres zwei Eurex-Futures aufgesetzt. Zudem informieren wir gelistete Unternehmen, wie sie Nachhaltigkeitsaspekte in ihre Kapitalmarktkommunikation einbauen können. Hier wir sehen weiterhin eine kommunikative Lücke. Alle sind sich gemeinhin darin einig, dass nachhaltiges Investieren und eine allgemeine Nachhaltigkeit in den Finanzmärkten von hoher Wichtigkeit sind. Die gelisteten Unternehmen sind allerdings häufig noch auf dem Weg zu definieren, was das für sie überhaupt bedeutet und wie sich das in ihrem Berichtswesen niederschlägt. Investoren fokussieren sich hingegen teilweise noch zu wenig darauf, diese Information abzufragen und zu bewerten. Hier hat die Deutsche Börse in ihrer Rolle als Dialogplattform eine wichtige Funktion, um diesen Diskurs zu fördern. Denn Nachhaltigkeit sollte sich als wesentlicher Bestandteil des jeweiligen Kerngeschäfts etablieren. Dies ist für die Zukunftsfähigkeit von Geschäftsmodellen unerlässlich und gilt gleichermaßen für Finanzinstitute wie auch für Unternehmen aus der Realwirtschaft. 

Der Industriekonzern Bosch will ab 2020 weltweit klimaneutral sein. Welche Ziele setzt sich das Unternehmen Deutsche Börse bei dem Thema Nachhaltigkeit selbst?

Wir haben eine sogenannte Ökobilanz, in der wir jedes Jahr über unsere internationalen Lokationen hinweg unseren Carbon Footprint erheben. Der ergibt sich im Wesentlichen aus der Energie, die wir in den Gebäuden verbrauchen, und den Flugreisen. Das entspricht einer Summe von rund 12.000 Tonnen CO2 gruppenweit. Wir arbeiten natürlich kontinuierlich daran, diesen Verbrauch weiter zu verringern. Wir planen hier künftig eine Neutralstellung zu erreichen, dafür kaufen wir zusätzlich entsprechende Zertifikate, die dem Gold-Standard der Vereinten Nationen entsprechen. Diese Punkte sind alle wichtig und richtig, einen größeren Hebel sehen wir aber in unserem Engagement in der gesamten Finanzindustrie.

Wie sieht es mit einem Benchmark-Index auf Grundlage der ESG-Kriterien oder der SDG-Standards aus?

Sicherlich geht es darum, Benchmarks zu etablieren, aber dafür braucht es klare Standards, mit dem der Markt arbeiten kann. Sustainable Finance ist noch immer ein Nischenthema. Im Vergleich zum Mainstream-Markt haben wir keine klar standardisierten Datensätze, die uns als Basis für entsprechende Investmententscheidungen, Kreditvergabe etc. dienen können. Deswegen unterstützt die Deutsche Börse auch den EU-Action-Plan on Sustainable Finance und besonders auch die Entwicklung um ein gemeinsames Verständnis von Nachhaltigkeit, namentlich Taxonomie. Wir sollten jetzt anfangen, diese ersten Definitionen in den Markt zu übersetzen und damit zu arbeiten, dies ist schlichtweg momentan der kleinste gemeinsame Nenner. 

Das Wort „grün“ hat viele verschiedene Definitionen. Welche Lösung gäbe es, dies einheitlich festzulegen?

Bislang gibt es in der Tat keinen Standard. Hier gilt es, die unterschiedlichen Interessen zu berücksichtigen und eine Definition festzulegen, mit der sich der Großteil auch identifizieren kann, denn der Markt ist divers. Beim Thema SDG-Investing wird beispielsweise immer noch Impact-Investing mit der Implementierung von Nachhaltigkeitskriterien in Risikorendite verwechselt. Das sind Abgrenzungen, die verständlich gemacht werden müssen. Dabei spielen Standardisierung und Transparenz eine wichtige Rolle.

Wie sind Sie mit Ihren eigenen Initiativen wie "Hub for Sustainable Finance Germany" und "Accelerating Sustainable Finance" vorangekommen?

Im letzten Jahr haben wir, gemeinsam mit der hessischen Landesregierung das Green und Sustainable Finance Cluster Germany gegründet. Das war ein wichtiger Schritt, dadurch konnten wir diverse Finanzakteure hinter uns versammeln, sowohl als Sponsoren als auch als einfache begleitende Unterstützer. Ziel ist es auf Basis eines breiten Dialogs die Finanzmarktexpertise rund um Sustainable Finance noch effizienter zu nutzen und vor allem konkrete Handlungsansätze für die Zukunftsfähigkeit von Finanzmarktstrukturen umzusetzen. Bereits existierende Nachhaltigkeitsinitiativen, auch die beiden von Ihnen genannten, sind letztendlich im Cluster aufgegangen. Auf Bundesebene gibt es zudem den Sustainable Finance Beirat der Bundesregierung, dessen stellvertretende Vorsitzende ich seit Mitte September bin. Auch die Schaffung dieses Beirats war etwas, worauf das Cluster intensiv hingearbeitet hat. Auch hier arbeiten wir eng zusammen. 

Andere Länder haben Deutschland beim Thema Sustainable Finance den Rang abgelaufen: Wie könnte eine Sustainable Finance-Strategie aussehen?

Der Grund warum wir hier zurückliegen, ist, dass wir die Diskurse nicht zusammenbekommen. Was hat die politische Rahmenvorgabe mit wirtschaftlicher Wertschöpfung zu tun? Und welche Rollen kommen den verschiedenen Akteuren eines Wirtschaftssystems in so einer Transformation zu? Hier trauen wir uns teilweise nicht, vermeintliche Fronten zu beseitigen und mit einer Stimme zu sprechen. Das ist ein Problem für den Wirtschaftsstandort und macht uns auf Dauer unglaubwürdig. Zusätzlich schadet es nicht nur uns, sondern auch der EU. Denn am Ende kommen wir nur in einem europäischen Konzept weiter. Dieser Austausch ist unverzichtbar, denn es geht um die Entwicklungen homogener Gesamtstrukturen. Hier braucht es Mitgliedsstaaten, die in Brüssel aktiv diese Themen begleiten und ihre Strategien auf den Tisch legen. Man kann nicht immer einer Meinung sein, aber es muss einen permanenten Diskurs und ein Ringen um diese Fragen geben. Und dem muss sich eben auch eine Bundesregierung stellen

Wie kann die Bundesregierung dabei behilflich sein, und welche Anreize müsste sie vor allem setzen?

Zum einen ist die Signalwirkung des Bundes selbst ganz wichtig. Die Bundesanlagen bzw. die Anlagen der öffentlichen Hand sind langfristig angelegte Gelder. Auch hier sollte Nachhaltigkeit eine prominente Rolle spielen. Für die Bundesregierung wird es wichtig sein, über den gesamten Finanzmarkt hinweg, an Stellschrauben zu drehen, ohne zu sehr in die Marktdynamiken selbst einzugreifen. Ganz wichtig ist ein ambitionierter CO2-Preis, mit dem der Markt etwas anfangen kann, um da entsprechend die Investitionen anzuschieben und das Risiko transparent zu machen.  Dies muss breit und über den gesamten Markt bzw. alle Akteure und Produktklassen hinweggedacht werden. Das kann durchaus für Deutschland wieder ein Wettbewerbsfaktor als Sustainable Finance-Standort sein. Man sieht in den Sustainable Finance-Strategien der anderen europäischen Länder klare Fokussierungen auf bestimmte Akteurs- und Produktgruppen und Marktsegmente. Wenn wir es schaffen würden, sehr spät, aber doch noch rechtzeitig, das Thema so breit aufzusetzen wie eben skizziert, dann könnte das ein Charakteristikum und Alleinstellungsmerkmal der Sustainable Finance-Strategie Deutschlands werden. Bis wir das erreicht haben, ist aber noch einiges zu tun.

Nachhaltigkeit spielt vor allem für die jüngere Generation eine bedeutende Rolle. Was wären Möglichkeiten, diese in eine Sustainable Finance-Strategie einzubeziehen?

Grundsätzlich sieht man, gerade in der Generation der Millennials, eine große Bereitschaft, nachhaltig zu investieren. Vor allem konkretes wirkungsorientiertes Investment im Sinne von Impact-Investing und der Erreichung bestimmter SDGs. Die Kunden von heute und von morgen wollen sich hier stärker einbringen, darauf geht man momentan noch zu wenig ein. 

Was können die Finanzmärkte zum ausgerufenen Ziel der EU-Kommission der Klimaneutralität bis 2050 beitragen? 

Die Finanzbranche hat definitiv eine Querschnittsfunktion in der Befähigung der Realwirtschaft zu diesen Transformationen. Zum einen gibt es einen enormen Finanzierungsbedarf. Und zum anderen gibt es das Risikomanagement in der Branche selbst, das sicherstellen muss, dass wir hier Wertverluste in Form von stranded assets vermeiden. Die Finanzbranche ist wichtig, andere Akteure sind es aber auch. Es ist absolut notwendig, dass wir in Deutschland ein stärkeres Verständnis dafür entwickeln, wie stark Real- und Finanzwirtschaft miteinander verwoben sind und welche Möglichkeiten von der Finanzwirtschaft auf die realwirtschaftliche Wertschöpfung ausgehen. Diese Potenziale gilt es zu nutzen und diese Hebel zu bedienen.

Welche nachhaltigen Produkte kann die Deutsche Börse über ihren Finanzplatz vermitteln?

Wir brauchen nicht zehn neue Finanzprodukte erfinden, sondern wir können die Produkte, die am Markt sind, betrachten und schauen, inwiefern diese Nachhaltigkeitsaspekte mit aufgenommen werden. Da geht es meiner Meinung nach um Standards, Transparenz und mittel- bis langfristige Wertbetrachtung. Denn viele Risiken sind eben nicht heute oder morgen, sondern erst in drei bis fünf Jahren relevant. Wenn das aber nicht der Betrachtungszeitraum ist, wird es nicht berücksichtigt. Wir brauchen ein ganzheitliches Einweben dieser Aspekte in das Risikomanagement der Branche. Im Sinne unserer Aufgabe als Börse - transparente, stabile und faire Kapitalmärkte zu schaffen – gilt es auch darauf hinzuweisen, dass dieser Auftrag ohne die Einbeziehung dieser neuen und extrafinanziellen Aspekte so nicht mehr erfüllbar ist.

Auf welche Weise können noch mehr Investoren, auch private, angezogen werden, damit das Thema Nachhaltigkeit mehr an Bedeutung gewinnt?

Bei den Privatkunden haben wir in einer Marktbefragung herausgefunden, dass etwa 80 Prozent gerne nachhaltig investieren würden, aber unter 12 Prozent es bislang wirklich getan haben. Das liegt auch an fehlender Transparenz. Nachhaltigkeit ist allerdings auch bei der Beratung der Kunden in der Bank bislang kein wirklich relevantes Thema. Das sind alles Punkte, die der EU-Action-Plan angeht. Das ist auch eine Aufgabe des Sustainable Finance-Beirats der Bundesregierung, der sich genau mit diesen Themen – Endkunden, Schaffung von Standards und der Bildung, die hier notwendig ist – beschäftigt.

Das Interview ist zuerst in der Börsen-Zeitung am 30. November 2019 erschienen.

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